Demokratie und Proletariat

"Wir stehen heute vor der Frage: Ist der alte griechische Name für das Vordringen der Ausgeschlossenen in den soziopolitischen Raum - Demokratie - noch die angemessene Bezeichnung für einen solchen Ausbruch des Egalitarismus? Es gibt da zu gegenteilige Positionen: einerseits das rasche Abtun der Demokratie als bloß illusorische Erscheinungsform ihres Gegenteils (der Herrschaft einer Klasse) und andererseits die Behauptung, dass die Demokratie, die wir haben, die real existierende Demokratie, eine Verzerrung der wahren Demokratie sei - ganz im Sinne der berühmten Antwort Gandhis auf die Frage eines britischen Journalisten, was er von der Demokratie halte: 'Eine gute Idee. Vielleicht sollten wir sie ausporbieren!'" (Zizek 2009, S. 272)
Ein interessanter Gedanke: Sollte man, wenn man von der heutigen Demokratie spricht, nicht von der real existierenden  Demokratie sprechen, im Gegensatz, zur eigentlichen Idee der Demokratie? Wie der real existierende Sozialismus nie die Anforderungen eines echten Sozialismus erfüllen konnte, kann unsere heutige Demokratie scheinbar nicht die Anforderungen die man an eine Demokratie stellt, erfüllen. Zizek beschreibt sehr schön, was Demokratie im eigentlichen Sinne bedeutet: "Das Vordringen der Ausgeschlossenen in den soziopolitischen Raum..." Der Demos der sich gegen die griechische Aristokratie stellt und mitbestimmen möchte. Immer öfter hört man, dass es uns an demokratischer Mitbestimmung fehlt, dass eigentlich die Lobbys und die Banken die Politik machen. "Postdemokratie" wie Colin Crouch unser System nennt, in dem formell alle demokratischen Instutionen und Prozesse vorhanden sind, Politik aber nicht vom "Demos" bestimmt wird. Leben wir also nach dem real existierenden Sozialismus, in der real existierenden Demokratie?

Eine klare Zeitdiagnose lautet: Der internationalen Linken fehlt es an einer Theorie. Eine Erneuerung des klassischen Marxismus, die sich nicht in den ausweglosen Problemen der Kritischen Theorie verstrickt, scheint dringend Notwendig. Die Linien eines Klassenkampfes sind nicht mehr so eindeutig sichtbar, wie zu Marx' Zeiten. Das Proletariat lässt sich nicht mehr so einfach bestimmen, wie in Zeiten der Industriegesellschaft. Ein Vorschlag Zizeks:
"Eine neue emanzipatorische Politik wird nicht mehr an einen einzelnen sozialen Akteur geknüpft sein, sondern muss von einer möglichst unkalkulierbaren Mischung verschiedener Akteure getragen werden. Uns vereint, dass wir im Gegensatz zu den Proletariern von einst, die 'nichts zu verlieren haben als ihre Ketten', Gefahr laufen, alles zu verlieren. Die Gefahr ist, dass wir auf abstrakte, leere cartesianische Subjekte ohne jeden Substanzgehalt reduziert werden, dass wir unserer symbolischen Substanz beraubt werden, dass unsere genetische Basis manipuliert wird und wir in einer lebensabweisenden Umwelt dahinvegetieren müssen. Diese dreifache Bedrohung unseres gesamten Seins macht uns gewissermaßen alle zu Proletariern, die auf eine 'substanzlose Subjektivität' reduziert sind, wie Marx in den Grundrissen schreibt. Die Figur des 'Anteils der Anteillosen' konfrontiert uns mit der Wahrheit unserer eigenen Position, und die ethisch-politische Herausforderung besteht darin, uns selbst in dieser Figur zu erkennen - wir sind sozusagen alle ausgeschlossen, von der Natur ebenso wie von unserer symbolischen Substanz." (Zizek 2009, S. 273)
 Dass wir gewisserweiße alle Proletarier sind, ist natürlich eine Einsicht, die nicht viel nützt. Zizeks "Anteil der Anteillosen" sind vor allem die Bewohner der Slums, die der Kapitalismus immer mehr hervorbringt. Dieser Anteil der zwar zur Gesellschaft gehört, in ihr aber keinen Platz findet. Sie haben keine Staatsbürgerschaft, kein offizielles Einkommen etc., sind somit also Ausgeschlossen, durch Schattenwirtschaft etc. allerdings in die Gesellschaft eingebunden. Hier sieht Zizek den Keim der Zukunft. Diese Menschen sind von allen Restriktionen des Kapitalismus befreit. Sie finden neue Formen der Organisation und es werden immer mehr. Das ist die Klasse (Analog der damaligen Arbeiterklasse) die mit der Abschaffung des Kapitalismus die Abschaffung ihrer eigenen Klasse erreichen würde. Die heutigen Antagonismen die der Kapitalismus hervorbringt sind andere, als die der klassischen marxistischen Vorstellung. Die heutigen Antagonismen bestehen (1) in der Ökologie, (2) der Unangemessenheit der Idee des Privateigentums für das sogenannte "geistige Eigentum", (3) in den sozialethischen Implikationen neuer technologisch-wissenschaftlicher Entwicklungen (insbesondere in der Biogenetik) und (4) neue Formen der Apartheid, neue Mauern und Slums. (4) stellt dabei die Schlüsselrolle für Zizek dar. Man kann sich die Probleme (1) - (3) gelöst vorstellen (zum Beispiel durch einen Totalitarismus), ohne dass die Frage der Gerechtigkeit, die in (4) zum Vorschein kommt, gelöst ist. (Zizek 2009, S.252 ff.) Der Antagonismus von Ausgeschlossen und Eingeschlossen scheint also der Hauptantagonismus unserer Zeit zu sein. Für eine proletarische Position schließt er daraus:

"Weil wir nach wie vor eine proletarische Position brauchen, eine Position des 'Anteils der Anteillosen'. Wenn man, mit anderen Worten, nach einem Vorbild sucht, so wäre das eher die gute alte kommunistische Formel des Bündnisses aus 'Arbeitern, armen Bauern, patriotischen Kleinbürgertum und redlichen Intellektuellen'; man beachte die unterschiedliche Verwendung der vier Begriffe: Nur die Arbeiter sind ohne Zusatz aufgeführt, während die anderen drei näher bestimmt werden. Genau das gleiche gilt für die vier Antagonismen von heute: Der Gegensatz zwischen den Ausgeschossenen und den Eingeschlossenen bildet den Basisantagonismus, der das gesamte Kampfterrain bestimmt. Dementsprechend gehören nur diejenigen Ökologen dazu, welche die Ökologie nicht zur Legetimierung der Unterdrückung der 'Schadstoffe produzierenden' Armen benutzen und die Dritteweltländer zu disziplinieren versuchen; nur diejenigen Kritiker der Biogenetik, die der konservativen (religiösä-humanistischen) Ideologie widerstehen, die allzuoft hinter dieser Kritik stekct; und nur diejenigen Kritiker des geistigen Privateigentums, die das Problem nicht auf eine rein juristische Frage reduzieren." (Zizek 2009, S. 265)
 So könnte also eine Formulierung des heutigen Proletariats aussehen. Viele interessante Details gehen bei solch einer zusammenfassenden Darstellung natürlich verloren. Wer keine Angst vor anspruchsvoller Lektüre hat, der sollte sich ruhig einmal mit Zizeks Ideen beschäftigen. Sie sind sehr konsequent und dadurch in ihren Schlüssen radikal und provokant, aber waren das Marx' Ideen zu seiner Zeit nicht auch? (Zizek schreibt am Anfang: "Die Zeit der großen Erklärungen ist vorbei, auch in der Politik sollten wir nicht mehr nach alles erklärenden System und blobalen emanzipatorischen Projekten streben... Sollten Sie auch nur die geringste Sympathie für diese Position empfinden, können Sie aufhören zu lesen und das vorliegende Büchlein wegwerfen." Diesen Rat sollte man wirklich ernst nehmen)

Verweise: Zizek, Slavoj: Auf verlorenem Posten, Suhrkamp: 2009, Frankfurt a. M.

1 comments:

Maria Espinal said...

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